Wiener Notizen #2

Am Montag, 23. September, wurde bekannt, dass die Bauunternehmerin Emma Sch. aus Edlitz in Niederösterreich, die von einem Banker ermordet wurde, nicht an den Verletzungen durch einen Schlag mit einem prall mit Münzen gefüllten Sparstrumpf starb, wie es in den ›Wiener Notizen #1‹ hieß. Die Obduktion ergab, dass der Vermögensberater die alte Dame in ihrem Haus wohl erst niedergeschlagen und ihr dann mehrere Lagen transparente Plastikfolie um den Kopf gewickelt hat. Die Frau erstickte qualvoll. Das Kapital, so überlieferte es uns Karl Marx mit einem Zitat aus dem Quarterly Reviewer, stampft für 100 Prozent alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß, 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert. Marx postulierte, dass die Menschen im Kapitalismus unter Masken auftreten, die »nur die Personifikation der ökonomischen Verhältnisse sind« – Charaktermasken. Laut Adorno decke sich die »ökonomische Charaktermaske« mit dem Bewusstsein der Person »bis aufs kleinste Fältchen«.

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Wiener Notizen #1

You go where you must, you always go where you must.
–– Steve Dalachinsky

Zwei Monate Wien stehen mir bevor. Meinen letzten Wien-Aufenthalt hatte ich in dem Büchlein Anilingasse – Ein Wien-Diarium (Edition Baes, 2018) gewürdigt. Vor der Bahnfahrt nach Wien las ich flugs noch die eingegangenen Mails. Es war erschütternd. Ich musste lesen, dass der Belfaster Künstler und Autor Micky Donnelly gestorben war, mit dem mich seit Anfang der 90-er Jahre eine Freundschaft verband, auch weil wir quasi Zwillinge waren, d. h. am gleichen Tag das Licht der Welt erblickt hatten. Dazu passte, dass ich 2007 Mickys Roman Doubletime übersetzen sollte; die Übersetzung erschien in der Edition Nautilus unter dem Titel Belfaster Doppel.

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»Der einfache Ausdruck komplexen Denkens« – Donald Judd im texanischen Marfa

Die Ausstellung Judd im New Yorker Museum of Modern Art (1. März bis 11. Juli 2020) ist die erste größere Retrospektive der Werke von Donald Judd (1928–1994) in den USA seit über dreißig Jahren. Judd wird immer wieder als Minimalist bezeichnet, eine Kategorisierung, die er für sich ablehnte. Für ihn war sein Werk der »einfache Ausdruck komplexen Denkens« und wegen der mannigfaltigen Beziehungen zwischen Material, Farbe und Raum alles andere als minimalistisch. Er suchte für seine konstruierten Werke sowie für den durch diesen kreierten Raum Autonomie und Klarheit, eine rigoros demokratische Präsentation ohne kompositorische Hierarchie. Er ließ seine Objekte – Kuben, Würfel, horizontale und vertikale sog. »Progressionen« und Wandstücke aus einbrennlackiertem Aluminium oder aus Stahl und Plexiglas – industriell herstellen, um eine größtmögliche Präzision zu erreichen und das Material nicht mehr bearbeiten zu müssen. Judd richtete seine Kritik gegen jede Art des Illusionismus. Er geriet dadurch in Widerspruch zu dem Faktum, dass Illusion – wie Adorno ausführte – den Kunstwerken, auch den nicht abbildenden tief eingesenkt ist. »Ihre Zweckmäßigkeit bedarf des Unzweckmäßigen. Dadurch gerät in ihre eigene Konsequenz ein Illusorisches hinein; Schein ist noch ihre Logik.«

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L.I.T

Paris

Den New Yorker Dichter Steve Dalachinsky und seine japanische Frau, die Schriftstellerin und Künstlerin Yuko Otomo, zieht es seit langer Zeit immer wieder nach Frankreich, wo Dalachinsky 2014 mit dem Orden »Chevalier des Arts et des Lettres« ausgezeichnet wurde. Es zieht sie vor allem nach Paris, den Sehnsuchtsort amerikanischer Schriftsteller der 1920-er Jahre, aber auch in andere Städte, wie etwa Marseille: »i approach life as a self-centered madman / here in the city of artaud’s birth«.  Die Größen von einst sind präsent: »in the toilette / in front of gate 73 / Louis Armstrong sings & plays / i can’t see him but i know he’s here…« Diese Zeilen findet sich in Dalachinskys Gedichtband where night and day become one – the french poems 1983- 2017(Great Weather for Media, New York City, 2018). Über dieses Werk schrieb Gary May im französischen Improjazz Magazine (07- 08, 2018): »Steve Dalachinsky ist einer der großen ›Flaneure‹ unserer Zeit. (…) Steve ist ein Poet, ein wahrer Poet, und in diesen Zeiten der Tweets und Trumps ist es notwendiger denn je, den Poeten zuzuhören, denn wie Steves Freund Ted Joans konstatiert hat, ›hast du vom Dichter NICHTS zu befürchten, außer der WAHRHEIT‹. Dieses Buch enthält Seiten der Wahrheit, die ohne Mäßigung gelesen werden sollten.« Für Dalachinsky, so Valery Oisteanu im Sensitive Skin Magazine (Juli 2018) »sind Friedhöfe wie Père Lachaise ein Muss für die Hipster, die nach anzestraler oder ästhetischer kommunitärer Verbundenheit, nach Orten suchen, die nach toten Dichtern benannt sind.«

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L.I.T.

RAF, Dr. Wichtig Speitel und Stammheim

»Die RAF – als solche – hat es (…) nie gegeben. Die RAF – das war ihre Besonderheit, ihre Stärke wie ihre Schwäche – war ein Zusammenschluss von Individuen, in dem jedes eine eigene Vorstellung von der Idee der RAF hatte.« So beginnt der ehemalige Aktivist der Roten Armee Fraktion Christof Wackernagel sein neues Buch mit dem Titel RAF oder Hollywood (Verlag zu Klampen). Darin versucht er den Prozess darzustellen, wie er zur RAF kam, »das Denken, das Fühlen, den Zeitgeist zu Wort kommen zu lassen, wie er damals war (…)«, wie er »damals dachte, fühlte, sprach und handelte.« „L.I.T.“ weiterlesen

Zitronenseife kaufen. Das letzte Abendmahl, Napoleons Zahnbürste und andere Dubliner Kuriosa

›Barracks‹ scheint ein schwierig zu übersetzendes englisches Wort zu sein. Es kommt auf der ersten Seite des Joyceschen Romans »Ulysses« vor: »Back to the barracks.« Joyce wollte von Anfang an die militärische Okkupation Irlands durch britische Truppen thematisieren. Dieses Anliegen lässt sich allerdings mit der deutschen Fassung des Romans nicht verdeutlichen, denn in der Übersetzung von Hans Wollschläger musste die Kaserne – und nichts anderes bedeutet das Wort ›barracks‹ – einer Aufforderung weichen, die gemeinhein an Kleinkinder gerichtet wird: »Huschhusch ins Körbchen.« „Zitronenseife kaufen. Das letzte Abendmahl, Napoleons Zahnbürste und andere Dubliner Kuriosa“ weiterlesen

Sellout? – Der schwarze Schriftsteller Paul Beatty bekam den Man Booker Prize

Wir erinnern uns: Als neulich dem Barden Bob Dylan der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, produzierten sich deutsche Literaturkritiker als die viel, viel besseren Kenner der US-amerikanischen Literatur und wollten lieber einen weißen Romancier genobelt wissen, einen wie Franzen, Roth, De Lillo oder Pynchon. Weiß sollte er sein. „Sellout? – Der schwarze Schriftsteller Paul Beatty bekam den Man Booker Prize“ weiterlesen

Oishii! – Essen in Japan.

Der Florentiner Sklavenhändlersohn Francesco Carletti (1573?-1636), der 1597/98 in Japan Station machte, schrieb in seinem 1701 erstmals veröffentlichten Werk »Ragionamenti di Francesco Carletti Fiorentino sopra le cose da lui vedute ne’ suoi viaggi si dell’Indie Occidentali, e Orientali Come d’altri Paesi« (dt. »Reise um die Welt 1594. „Oishii! – Essen in Japan.“ weiterlesen

Polke, »Cut!«, Pohl

»Diabolik« ist eine der erfolgreichsten Comicserien in Italien. Mit dem 1962 von den Schwestern Luciana und Angela Giussani erfundenen Urahn der italienischen »fumetti neri« hat ein völlig neuer Held die Comicwelt betreten. Der Edelschurke Diabolik begeht mit Hilfe der bildschönen Eva Kant schnell und clever seine Verbrechen. »Kein anderer italienischer Comic hat eine derart fesselnde Figur. Diabolik ist das Genie des Bösen: entschlossen, unerbitterlich, nicht aufzuhalten, unberechenbar und frech« (»Brescia Oggi«, Nov. 1992).

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