»Zwischen dem Hier & dem Nicht-Hier bewege ich mich« – Zum Tod des »cut prose«-Schreibers Jürgen Ploog

von Jürgen Schneider

Jürgen Ploog wurde 1935 in München geboren. Nach einer Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker war er drei Jahrzehnte als Langstreckenpilot unterwegs und versuchte mit dem Schnittverfahren »Cut-up« den Viruscharakter des Wortes bloß zu stellen: »Das Wort sehen & betrachten, es zum Material machen wie der Maler Form oder Farbe behandelt, bis sie möglichst deckungsgleich seiner Vorstellung entsprechen.« 

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Fragmentarische Anmerkungen zur Compilation Befreiung

Vor einiger Zeit fragte mich Dirk Teschner, ob ich am 8. Mai 2020 bei der Telegraph-Feier anlässlich des 75. Jahrestages des Sieges der Roten Armee über die faschistischen Truppen Platten auflegen könnte. Mein Terminkalender sagte mir nein, da ich an jenem Tag in London sein sollte. Ich versprach Dirk jedoch, ihm eine CD zusammenzustellen. Nach Zusendung dieser CD bat er mich um ein paar erläuternde Anmerkungen. Diese gelten weniger der Musik als den von mir assoziierten politischen Ereignissen.  

Jürgen Schneider – Düsseldorf, Anfang April 2020

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Feuerstuhl

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HERAUSGEBER mit Egon Günther (Verlag Peter Engstler, Mai 2020)

Vor 90 Jahren besuchte James Joyce Wiesbaden

von Jürgen Schneider

AKT I
Im Wiesbadener Verlag Thorsten Reiß erschien 2005 mein BüchleinJames Joyce in Wiesbaden. Der Inhalt in aller Kürze: Der irische Schriftsteller James Joyce (1882-1941), seine Lebensgefährtin Nora Barnacle (1894-1951) sowie ihre gemeinsame Tochter Lucia (1907-1982) hielten sich vom 14. bis 21. April 1930 in Wiesbaden auf und wohnten im Hotel Rose. Die Goldenen Bücher des Hotels Rose durften nicht eingesehen werden. Der Verwalter dieser Gästebücher für Prominente teilte mit, Joyce habe es sich bekanntlich nicht leisten können, in diesem Hotel – heute Sitz des hessischen Ministerpräsidenten Bouffier – Zimmer zu bewohnen.

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Arbeitsstipendium

Arbeitsstipendium
der Kulturstiftung NRW, 2020

Wiener Notizen #8

»Wahrscheinlich kann man nur lernen, dass man generell denken soll«.
Frank Witzel, Uneigentliche Verzweiflung

Als ich in den 1980-er Jahren als Buchhändler tätig war, zählte zu den gut verkauften Büchern das Werk »Weibliche« und »männliche« Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse von Marianne Wex. Wex führte ihrer Leserschaft darin u. a. das Manspreading vor Augen, also das breitbeinige Sitzen von Männern. Der Breitbeinige meint wohl, er müsse sein Gemächt zur Schau stellen und er könne sich bei dieser Einedrahra-Sitzhaltung bequemer die Eier kraulen. Mit ihrer online gestarteten Öffi-Kampagne »Sei ein Ehrenmann und halt deine Beine zam!« wollen die Wiener Linien nun dazu beitragen, dass die Männer in Tram, Bus und U-Bahn nicht mehr breitbeinig herumsitzen. Auf Facebook, Twitter & Co. sorgte die Kampagne für Aufsehen und das Satireportal Tagespresse titelte: »Erstmals ohne Manspreading U-Bahn gefahren. Mann fallen Hoden ab.«

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Wiener Notizen #7

Herbert Kickl1, Klubchef der völkischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) erklärte im Sonntagsinterview von oe24, sollte es zu keiner Koalition der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) unter Sebastian Kurz, diesem »gemütlich-alpinen Missing Link zwischen den Entdemokratisierungsmodellen Brüssel, Visegrád und Salvini« (Augustin), und den Grünen kommen, sei die FPÖ zu einer Regierungsbeteiligung unter der nicht verhandelbaren Voraussetzung bereit, dass sie den Innenminister stellt. Und der soll natürlich Kickl heißen. Laut diesem rechtsradikalen Selbstinszenierer sei die Trennlinie zu Heinz-Christian Strache »vollständig gezogen«. Der Ex-Vizekanzler Strache war wegen des Ibiza-Videos und einer Spesenaffäre gestürzt und von seiner Partei suspendiert worden, seinen Rausschmiss lassen seine Kameraden derzeit juristisch prüfen.

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Wiener Notizen #6

Stellen Sie sich vor, es ergeht Ihnen wie Mr. M. J. Pack aus New York City: Sie linsen durch ihren Spion und sehen einen Pizzaboten vor der Tür stehen, sie haben aber gar keine Pizza bestellt und schon gar nicht bei einem, der eine Schweinsmaske trägt. Wir aber sind ja gar nicht in New York, sondern in Wien. Stellen Sie also sich vor, Sie bestellen ihre Pizza Napoli, und plötzlich steht der Bundeskanzler vor der Tür. So geschah es an der Donau. Zum Auftakt seiner »Mittelschichtkampagne« tauschte einst der Sozialdemokrat Christian Kern Anzug gegen Pizzaboten-Jacke und lieferte an sechs Kunden der Pizzeria ›That‘s Amore‹ höchstpersönlich aus, denn so die kernige Botschaft: »Real life ist da, wo der Pizzamann wohnt.«

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Wiener Notizen #5

Am 9. März 2014 führte Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) auf einer Veranstaltung des Hamburger Wochenblatts Die Zeit aus: »Als es um die Frage ging, wie entwickelt sich das in der Bundesrepublik Jugoslawien, Kosovo-Krieg, da haben wir unsere Flugzeuge, unsere Tornados nach Serbien geschickt, und die haben zusammen mit der NATO einen souveränen Staat gebombt – ohne daß es einen Sicherheitsratsbeschluß gegeben hätte. (…) Natürlich ist das, was auf der Krim geschieht, etwas, was auch Verstoß gegen das Völkerrecht ist. Aber wissen Sie, warum ich ein bißchen vorsichtiger bin mit ’nem erhobenem Zeigefinger? Ich muß nämlich sagen: Weil ich es selbst gemacht habe.«

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Wiener Notizen #4

In einem in der Wiener Zeitung unter der Überschrift ›Wir sind aufrecht gehende Killeraffen‹ gibt der österreichische Historiker Ilja Steffelbauer Auskunft über die Geschichte des menschlichen Fleischverzehrs und führt aus: »Wir haben uns hierzulande nicht zu Schnitzelessern entwickelt, weil wir so gerne Schnitzel essen, sondern weil wir in einer Schweinegegend leben.« Steffelbauer ist im niederösterreichischen St. Valentin aufgewachsen, auf das die Bezeichnung »Schweinegegend« geschichtlich in einem weitläufigeren Sinn zutrifft. Ab 1939 befand sich dort das Nibelungenwerk zur Produktion von Panzern für den Fronteinsatz. Etwa die Hälfte der Standard-Panzer der Nazis wurden dort hergestellt. Die Panzerplatten kamen aus den verbundenen Eisenwerken Oberdonau, die zu dem Stahl- und Rüstungsgroßunternehmen »Hütte Linz der Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten Hermann Göring« gehörten. Deren Belegschaft wurde im August 1944 durch etwa 10.000 KZ-Insassen aus dem KZ Mauthausen verstärkt und war damit die Nazi-Produktionsstätte im Raum Linz, die nahezu ausschließlich mit Zwangsarbeitern produzierte.

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