Arbeitsstipendium

Arbeitsstipendium
der Kulturstiftung NRW, 2020

Wiener Notizen #8

»Wahrscheinlich kann man nur lernen, dass man generell denken soll«.
Frank Witzel, Uneigentliche Verzweiflung

Als ich in den 1980-er Jahren als Buchhändler tätig war, zählte zu den gut verkauften Büchern das Werk »Weibliche« und »männliche« Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse von Marianne Wex. Wex führte ihrer Leserschaft darin u. a. das Manspreading vor Augen, also das breitbeinige Sitzen von Männern. Der Breitbeinige meint wohl, er müsse sein Gemächt zur Schau stellen und er könne sich bei dieser Einedrahra-Sitzhaltung bequemer die Eier kraulen. Mit ihrer online gestarteten Öffi-Kampagne »Sei ein Ehrenmann und halt deine Beine zam!« wollen die Wiener Linien nun dazu beitragen, dass die Männer in Tram, Bus und U-Bahn nicht mehr breitbeinig herumsitzen. Auf Facebook, Twitter & Co. sorgte die Kampagne für Aufsehen und das Satireportal Tagespresse titelte: »Erstmals ohne Manspreading U-Bahn gefahren. Mann fallen Hoden ab.«

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Wiener Notizen #7

Herbert Kickl1, Klubchef der völkischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) erklärte im Sonntagsinterview von oe24, sollte es zu keiner Koalition der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) unter Sebastian Kurz, diesem »gemütlich-alpinen Missing Link zwischen den Entdemokratisierungsmodellen Brüssel, Visegrád und Salvini« (Augustin), und den Grünen kommen, sei die FPÖ zu einer Regierungsbeteiligung unter der nicht verhandelbaren Voraussetzung bereit, dass sie den Innenminister stellt. Und der soll natürlich Kickl heißen. Laut diesem rechtsradikalen Selbstinszenierer sei die Trennlinie zu Heinz-Christian Strache »vollständig gezogen«. Der Ex-Vizekanzler Strache war wegen des Ibiza-Videos und einer Spesenaffäre gestürzt und von seiner Partei suspendiert worden, seinen Rausschmiss lassen seine Kameraden derzeit juristisch prüfen.

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Wiener Notizen #6

Stellen Sie sich vor, es ergeht Ihnen wie Mr. M. J. Pack aus New York City: Sie linsen durch ihren Spion und sehen einen Pizzaboten vor der Tür stehen, sie haben aber gar keine Pizza bestellt und schon gar nicht bei einem, der eine Schweinsmaske trägt. Wir aber sind ja gar nicht in New York, sondern in Wien. Stellen Sie also sich vor, Sie bestellen ihre Pizza Napoli, und plötzlich steht der Bundeskanzler vor der Tür. So geschah es an der Donau. Zum Auftakt seiner »Mittelschichtkampagne« tauschte einst der Sozialdemokrat Christian Kern Anzug gegen Pizzaboten-Jacke und lieferte an sechs Kunden der Pizzeria ›That‘s Amore‹ höchstpersönlich aus, denn so die kernige Botschaft: »Real life ist da, wo der Pizzamann wohnt.«

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Wiener Notizen #5

Am 9. März 2014 führte Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) auf einer Veranstaltung des Hamburger Wochenblatts Die Zeit aus: »Als es um die Frage ging, wie entwickelt sich das in der Bundesrepublik Jugoslawien, Kosovo-Krieg, da haben wir unsere Flugzeuge, unsere Tornados nach Serbien geschickt, und die haben zusammen mit der NATO einen souveränen Staat gebombt – ohne daß es einen Sicherheitsratsbeschluß gegeben hätte. (…) Natürlich ist das, was auf der Krim geschieht, etwas, was auch Verstoß gegen das Völkerrecht ist. Aber wissen Sie, warum ich ein bißchen vorsichtiger bin mit ’nem erhobenem Zeigefinger? Ich muß nämlich sagen: Weil ich es selbst gemacht habe.«

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Wiener Notizen #4

In einem in der Wiener Zeitung unter der Überschrift ›Wir sind aufrecht gehende Killeraffen‹ gibt der österreichische Historiker Ilja Steffelbauer Auskunft über die Geschichte des menschlichen Fleischverzehrs und führt aus: »Wir haben uns hierzulande nicht zu Schnitzelessern entwickelt, weil wir so gerne Schnitzel essen, sondern weil wir in einer Schweinegegend leben.« Steffelbauer ist im niederösterreichischen St. Valentin aufgewachsen, auf das die Bezeichnung »Schweinegegend« geschichtlich in einem weitläufigeren Sinn zutrifft. Ab 1939 befand sich dort das Nibelungenwerk zur Produktion von Panzern für den Fronteinsatz. Etwa die Hälfte der Standard-Panzer der Nazis wurden dort hergestellt. Die Panzerplatten kamen aus den verbundenen Eisenwerken Oberdonau, die zu dem Stahl- und Rüstungsgroßunternehmen »Hütte Linz der Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten Hermann Göring« gehörten. Deren Belegschaft wurde im August 1944 durch etwa 10.000 KZ-Insassen aus dem KZ Mauthausen verstärkt und war damit die Nazi-Produktionsstätte im Raum Linz, die nahezu ausschließlich mit Zwangsarbeitern produzierte.

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Wiener Notizen #3

Österreich hat gewählt, die Fadigkeit des Wahlkampfes hat ein Ende. Die Bierpartei Österreichs erhielt bei der Nationalratswahl 3.649 Stimmen. Damit haben die Gärsud-Freunde mehr Stimmen bekommen als die Christliche Partei, die Allianz der Patrioten, die Sozialistische Linkspartei und die Liste Gilt zusammen, für einen Trinkerplatz im Parlament reichte es aber nicht. Auf die Kommunistische Partei entfielen lediglich 0,7 Prozent der abgegebenen Stimmen.

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Wiener Notizen #2

Am Montag, 23. September, wurde bekannt, dass die Bauunternehmerin Emma Sch. aus Edlitz in Niederösterreich, die von einem Banker ermordet wurde, nicht an den Verletzungen durch einen Schlag mit einem prall mit Münzen gefüllten Sparstrumpf starb, wie es in den ›Wiener Notizen #1‹ hieß. Die Obduktion ergab, dass der Vermögensberater die alte Dame in ihrem Haus wohl erst niedergeschlagen und ihr dann mehrere Lagen transparente Plastikfolie um den Kopf gewickelt hat. Die Frau erstickte qualvoll. Das Kapital, so überlieferte es uns Karl Marx mit einem Zitat aus dem Quarterly Reviewer, stampft für 100 Prozent alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß, 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert. Marx postulierte, dass die Menschen im Kapitalismus unter Masken auftreten, die »nur die Personifikation der ökonomischen Verhältnisse sind« – Charaktermasken. Laut Adorno decke sich die »ökonomische Charaktermaske« mit dem Bewusstsein der Person »bis aufs kleinste Fältchen«.

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Wiener Notizen #1

You go where you must, you always go where you must.
–– Steve Dalachinsky

Zwei Monate Wien stehen mir bevor. Meinen letzten Wien-Aufenthalt hatte ich in dem Büchlein Anilingasse – Ein Wien-Diarium (Edition Baes, 2018) gewürdigt. Vor der Bahnfahrt nach Wien las ich flugs noch die eingegangenen Mails. Es war erschütternd. Ich musste lesen, dass der Belfaster Künstler und Autor Micky Donnelly gestorben war, mit dem mich seit Anfang der 90-er Jahre eine Freundschaft verband, auch weil wir quasi Zwillinge waren, d. h. am gleichen Tag das Licht der Welt erblickt hatten. Dazu passte, dass ich 2007 Mickys Roman Doubletime übersetzen sollte; die Übersetzung erschien in der Edition Nautilus unter dem Titel Belfaster Doppel.

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»Der einfache Ausdruck komplexen Denkens« – Donald Judd im texanischen Marfa

Die Ausstellung Judd im New Yorker Museum of Modern Art (1. März bis 11. Juli 2020) ist die erste größere Retrospektive der Werke von Donald Judd (1928–1994) in den USA seit über dreißig Jahren. Judd wird immer wieder als Minimalist bezeichnet, eine Kategorisierung, die er für sich ablehnte. Für ihn war sein Werk der »einfache Ausdruck komplexen Denkens« und wegen der mannigfaltigen Beziehungen zwischen Material, Farbe und Raum alles andere als minimalistisch. Er suchte für seine konstruierten Werke sowie für den durch diesen kreierten Raum Autonomie und Klarheit, eine rigoros demokratische Präsentation ohne kompositorische Hierarchie. Er ließ seine Objekte – Kuben, Würfel, horizontale und vertikale sog. »Progressionen« und Wandstücke aus einbrennlackiertem Aluminium oder aus Stahl und Plexiglas – industriell herstellen, um eine größtmögliche Präzision zu erreichen und das Material nicht mehr bearbeiten zu müssen. Judd richtete seine Kritik gegen jede Art des Illusionismus. Er geriet dadurch in Widerspruch zu dem Faktum, dass Illusion – wie Adorno ausführte – den Kunstwerken, auch den nicht abbildenden tief eingesenkt ist. »Ihre Zweckmäßigkeit bedarf des Unzweckmäßigen. Dadurch gerät in ihre eigene Konsequenz ein Illusorisches hinein; Schein ist noch ihre Logik.«

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