Wiener Notizen #3

Österreich hat gewählt, die Fadigkeit des Wahlkampfes hat ein Ende. Die Bierpartei Österreichs erhielt bei der Nationalratswahl 3.649 Stimmen. Damit haben die Gärsud-Freunde mehr Stimmen bekommen als die Christliche Partei, die Allianz der Patrioten, die Sozialistische Linkspartei und die Liste Gilt zusammen, für einen Trinkerplatz im Parlament reichte es aber nicht. Auf die Kommunistische Partei entfielen lediglich 0,7 Prozent der abgegebenen Stimmen.

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Wiener Notizen #2

Am Montag, 23. September, wurde bekannt, dass die Bauunternehmerin Emma Sch. aus Edlitz in Niederösterreich, die von einem Banker ermordet wurde, nicht an den Verletzungen durch einen Schlag mit einem prall mit Münzen gefüllten Sparstrumpf starb, wie es in den ›Wiener Notizen #1‹ hieß. Die Obduktion ergab, dass der Vermögensberater die alte Dame in ihrem Haus wohl erst niedergeschlagen und ihr dann mehrere Lagen transparente Plastikfolie um den Kopf gewickelt hat. Die Frau erstickte qualvoll. Das Kapital, so überlieferte es uns Karl Marx mit einem Zitat aus dem Quarterly Reviewer, stampft für 100 Prozent alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß, 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert. Marx postulierte, dass die Menschen im Kapitalismus unter Masken auftreten, die »nur die Personifikation der ökonomischen Verhältnisse sind« – Charaktermasken. Laut Adorno decke sich die »ökonomische Charaktermaske« mit dem Bewusstsein der Person »bis aufs kleinste Fältchen«.

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Wiener Notizen #1

You go where you must, you always go where you must.
–– Steve Dalachinsky

Zwei Monate Wien stehen mir bevor. Meinen letzten Wien-Aufenthalt hatte ich in dem Büchlein Anilingasse – Ein Wien-Diarium (Edition Baes, 2018) gewürdigt. Vor der Bahnfahrt nach Wien las ich flugs noch die eingegangenen Mails. Es war erschütternd. Ich musste lesen, dass der Belfaster Künstler und Autor Micky Donnelly gestorben war, mit dem mich seit Anfang der 90-er Jahre eine Freundschaft verband, auch weil wir quasi Zwillinge waren, d. h. am gleichen Tag das Licht der Welt erblickt hatten. Dazu passte, dass ich 2007 Mickys Roman Doubletime übersetzen sollte; die Übersetzung erschien in der Edition Nautilus unter dem Titel Belfaster Doppel.

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»Der einfache Ausdruck komplexen Denkens« – Donald Judd im texanischen Marfa

Die Ausstellung Judd im New Yorker Museum of Modern Art (1. März bis 11. Juli 2020) ist die erste größere Retrospektive der Werke von Donald Judd (1928–1994) in den USA seit über dreißig Jahren. Judd wird immer wieder als Minimalist bezeichnet, eine Kategorisierung, die er für sich ablehnte. Für ihn war sein Werk der »einfache Ausdruck komplexen Denkens« und wegen der mannigfaltigen Beziehungen zwischen Material, Farbe und Raum alles andere als minimalistisch. Er suchte für seine konstruierten Werke sowie für den durch diesen kreierten Raum Autonomie und Klarheit, eine rigoros demokratische Präsentation ohne kompositorische Hierarchie. Er ließ seine Objekte – Kuben, Würfel, horizontale und vertikale sog. »Progressionen« und Wandstücke aus einbrennlackiertem Aluminium oder aus Stahl und Plexiglas – industriell herstellen, um eine größtmögliche Präzision zu erreichen und das Material nicht mehr bearbeiten zu müssen. Judd richtete seine Kritik gegen jede Art des Illusionismus. Er geriet dadurch in Widerspruch zu dem Faktum, dass Illusion – wie Adorno ausführte – den Kunstwerken, auch den nicht abbildenden tief eingesenkt ist. »Ihre Zweckmäßigkeit bedarf des Unzweckmäßigen. Dadurch gerät in ihre eigene Konsequenz ein Illusorisches hinein; Schein ist noch ihre Logik.«

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